So, Kinder, die Mutti ist mal eben Zigaretten holen. Stellt nichts an, solange ich weg bin.
Montag, 6. Februar 2012
Donnerstag, 2. Februar 2012
Ich muss los
Ich habe heute keinen Blogpost für dich.
Das müsste ich schreiben. Ich muss nämlich los und meine kleine Schwester vom Flughafen abholen. Ich weiß, was Sie jetzt denken: "Oh Gott, die Eltern haben nach der Tochter ernsthaft gedacht, dass die Welt eine weitere davon braucht?!" Glauben Sie mir, ich selbst war damals mit sieben Jahren von diesem tollkühnen Fortpflanzungsprojekt auch nur wenig begeistert. Aber man hatte wohl die Hoffnung, dass das zweite Kind besser gelingen würde. Nun, nach 22 Jahren kann ich wohl sagen:
Bwahahahahahahaha!
War wohl nix, was Mutti?!
Wie auch immer. Sie landet in Kürze und ich muss schnell nach Tegel und habe keine Zeit, die ich mit Ihnen verplempern könnte.
Sie hat sich übrigens selbst eingeladen. Ich hatte sie nicht gebeten zu kommen. Also alles genauso wie vor 22 Jahren. Mir ist es völlig unverständlich, warum sie kommt. Sie ist des Googelns mächtig und weiß, wo Köpenick liegt. Außerdem schicke ich ihr seit Wochen Informationen über die aktuellen Temperaturen, aber weder das eine noch das andere scheinen sie abzuhalten hierher kommen zu wollen. Gut, ich weiß, ich bin entzückend und man muss mich einfach liebhaben, aber bei diesem Wetter?! Bitte. Das ist doch unglaubwürdig.
Aber ich habe wirklich keine Zeit, das näher auszuführen. Die Tram kommt gleich.
Aber nicht nur, dass sie sich selbst eingeladen hat. Oh, nein. Sie will das volle Programm, während sie hier. Revue im Friedrichsstadtpalast. Abendessen im Fernsehturm. Abgesehen davon, dass ich noch nicht mal rückfahrtsfahrend in der Bahn lesen kann und die Idee in einem sich drehenden Restaurant zu speisen für mich so verlockend wie ein Bauchschuss klingt, ist sie offenbar der lustigen Annahme, ich hätte Geld. Könnte daran liegen, dass ich den Bonnern nicht erzähle, dass ich keines habe. Die Gefahr, dass sie dann am folgenden Wochenende mit einem Umzugswagen vor dem Haus stehen und mich zwangsumsiedeln ist bei diesen Wahnsinnigen nämlich durchaus gegeben. Deswegen bin ich nach den nächsten fünf Tagen vermutlich hoffnungslos verschuldet.
Aber ich kann darauf jetzt nicht näher eingehen, ich habe wirklich keine Zeit.
Wissen Sie, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich mag meine Familie. Ich liebe sie sogar. Hin und wieder. Vorzugsweise aus der Ferne. Und vor allem, wenn sie mich nicht anrufen oder besuchen. Dann liebe ich meine Familie wirklich auf eine unfassbar intensive Art und Weise. Aber ich wohne ja nicht ohne Grund hier am Ende der bekannten menschlichen Zivilisation, zwischen Menschen, die Lobotomien und zu KIK fahren als ihre Freizeitbeschäftigung ansehen. Das hat einen Grund. Es soll die Menschen abhalten, hierher kommen zu wollen.
Nun, da kann ich ja nur sagen: Das. Hat. Ja. Super. Geklappt.
Aber ich muss jetzt wirklich los, das Kind wartet nicht. Sie meinte zwar, ich müsse sie nicht am Flughafen abholen, aber seien wir ehrlich, ich will das blöde Gesicht nicht verpassen, wenn sie aus dem Terminal kommt und ihr bei minus 16°C die Gesichtsmuskeln festfrieren.
In diesem Sinne: Ich muss jetzt wirklich los.
Dienstag, 31. Januar 2012
Irgendwas sibirisches
Liebes Tagebuch,
ich weiß nicht, welchen Tag wir haben. Vermutlich Montag. Oder Donnerstag. Ich bin aber zumindest recht sicher, dass wir Dezember haben. Seitdem sich dieses sibirische Hoch, unerbittlich wie Stalin, über das Land geworfen hat und neben einer zarten, apokalyptischen Schneedecke nur Kälte, Tod und Verderben brachte, fällt es mir schwer mich im Hier und Jetzt zurechtzufinden.
Irgendwie hatte ich mir das ursprünglich anders vorgestellt. Damals als ich Robinson Crusoe las und anschließend beschloss auch eines Tages auszuwandern.
Vor allem hatte ich mir Strand und Palmen und irgendwas tropisches vorgestellt.
Stattdessen Schnee und Eis und irgendwas sibirisches.
Das hier ist nicht Robinson Crusoe, das ist Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch.
Ich kann nur für wenige Minuten am Tag meine aus Menschenhaar geflochtene Hütte verlassen, ohne dass der eisige Wind sich wie Hannibal Lecter in mein Gesicht verbeisst, um jeden Nerv darin zu zerreissen wie ein überspanntes Drahtseil. Die Luft ist so kalt, dass sie sich bis zu den Knochen durchfrisst und jeder schmerzende Atemzug erinnert mich daran, dass es völlig überflüssig war, das Rauchen aufzugeben.
Bei jedem Versuch länger draußen zu bleiben, verliere ich ein weiteres Körperteil und da ich ein sehr eitler Mensch bin, muss ich sagen, dass ich beim Blick in den Spiegel finde, dass ich mit nur sieben Fingern, einem Ohr und ohne Füße doch ein wenig albern aussehe. Wenn ich ein Auge verlieren würde, würde mir das alles zumindest einen stauffenberg'schen Touch verleihen, aber stattdessen mutiere ich zu einer Quasi-Modo-Version mit Brüsten. Wobei mir die sicherlich als nächstes abfrieren werden.
Meine selbstgenähten Umhänge und Mäntel sind nur dürftig ausreichend und da es mir bisher nicht gelang im Müggelsee Seehunde oder ähnliches zu erlegen, bin ich auf Yorkshire-Terrier, Katzen und Eichhörnchen angewiesen. Leider erweist es sich als äußerst langwierig aus Eichhörnchenfell einen Mantel anzufertigen.
Hinzu kommen die täglichen Gefahren. Besonders der Weg zum 100m entfernten REWE gestaltet sich schwierig und kann sich über Tage hinziehen. Ständig muss ich damit rechnen von Eisbären angefallen zu werden. Wenn ich ihren lüsternden, sexuell verwirrten Blick richtig interpretiere, wäre von ihnen gefressen zu werden, die noch wünschenswerteste Todesart.

Ich möchte nicht, dass meine Familie im warmen, kuscheligen Bonn eines Tages in der Zeitung lesen muss "Aussteigerin von Polarbär zu Tode gefickt". Ich bin sicher, das wäre einer dieser Sonderfälle (neben Suizid) bei denen sich die Kirche weigert, einen auf einem katholischen Friedhof zu beerdigen. Und jeder weiß, ich wünsche mir nichts mehr.
Und seitdem Wilhelm, mein afro-germanischer Rennvogelstrauss das Zeitliche segnete - okay, ich habe ihn gegessen - bin ich darauf angewiesen, mich auf meinen eigenen Stümpfen fortzubewegen. Was eo ipso weder besonders zügig, noch besonders grazil vonstatten geht.

Ich sehne mich daher nach der wärmenden Sonne Stalingrads zurück. Sicher, viel wärmer war es dort auch nicht, aber zumindest gab es dort die Option auf einen schnelleren Tod. Man musste nur sein behelmtes Köpfchen herausstrecken und munter einem der sowjetischen Scharfschützen winken. Hier, in diesem Gulag Klein-Brandenburgs, bleibt mir selbst diese Möglichkeit verwehrt. Nie ist ein Russe mit einem Mossin-Nagant zur Stelle, wenn man ihn braucht.
Und so bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als dem zwar sicheren, aber dennoch langsamen und qualvollen Tod ins Auge zu blicken.
Sollte ich nicht vorher erfrieren, werde ich mich vermutlich häppchenweise selbst verspeisen. Doch ich befürchte, bei meinem Karma und Glück, wird der Frühling genau dann zurückkehren, wenn ich nur noch ein deformierter Torso bin, der sich gerade selbst verdaut.

Andererseits würde ich dann auch endlich optisch eins werden mit den restlichen Bewohnern meines Bezirks. Das mag der ein oder andere positiv sehen - Stichwort: Assimilierung -, in diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, von einem Eisbären ins Jenseits penetriert zu werden.
In diesem Sinne:
